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NEUBETRACHTUNG DER MALEREI VON MANFRED LUZ
IM HORIZONT DES ENAKTIVISMUS


Nach Abschluss seines Gesamtwerkes

Manfred Luz
Vom Erleben zur Bildwirklichkeit 


Was nicht erlebt wurde, kann nicht gemalt werden. Und was gemalt wird, wird erst im Akt der Freiheit wahr. 

Ein abgeschlossenes Werk, eine neue Lesbarkeit

Mit dem Tod von Manfred Luz im Januar 2026 ist sein Werk in eine neue Perspektive gerückt: Es lässt sich nun erstmals als ein geschlossenes und in sich kohärentes Ganzes überblicken.

 

Was zuvor als fortlaufende künstlerische Praxis erschien, wird rückblickend als eine konsequente und kontinuierliche Untersuchung der Bedingungen von Wahrnehmung und Malerei lesbar.

 

Diese Kontinuität zeigt sich bereits eindrücklich in einem frühen Selbstbildnis aus dem Jahr 1948, entstanden als großformatige Akademiearbeit in Freiburg, wo Luz über seinen Lehrer Adolf Strübe und Besuche der Studierklasse in der Kunsthalle Basel erstmals mit dem Werk Cezannes in Berührung kam. Das Bild stellt den Künstler nicht einfach dar, sondern inszeniert ein dynamisches Verhältnis von Auge, Hand und Welt. Es entsteht keine Darstellung im herkömmlichen Sinn, sondern ein Prozess der Wahrnehmung, in dem Sehen und Malen untrennbar miteinander verschränkt sind.

 

Erst Jahrzehnte später wird dieses Verhältnis philosophisch präzise gefasst, etwa durch Maurice Merleau-Ponty in seinen Überlegungen zu Paul Cezanne: Malerei als leiblich gegründete Sichtweise, in der Wahrnehmung und Geste in einem wechselseitigen Verhältnis stehen. Vor diesem Hintergrund erscheint Luz’ frühe Arbeit nicht nur als Anfang, sondern als programmatische Setzung, die sich durch das gesamte Werk hindurch entfaltet.

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Cezanne und die Frage der „sensations“

Die frühe Begegnung mit Paul Cezanne – vermittelt über den Cezannisten Strübe – erweist sich als grundlegend, jedoch nicht im Sinne eines stilistischen Einflusses oder einer Nachahmung. Entscheidend ist vielmehr eine strukturelle Nähe.

Wie Cezanne versteht Luz Malerei nicht als Ausdruck subjektiver Emotion, sondern als Auseinandersetzung mit dem, was Cezanne als sensations bezeichnete: jene unmittelbaren, leiblich fundierten Erfahrungsmomente, in denen Welt überhaupt erst wahrnehmbar wird.

Diese Unterscheidung ist zentral. Während expressionistische Ansätze häufig innere Zustände in Bildform übersetzen, begreifen Cezanne – und in anderer historischer Situation Luz – Malerei als einen Prozess, in dem Wahrnehmung selbst hervorgebracht wird. Das Bild stellt keine vorgegebene Realität dar, sondern erzeugt ein Feld, in dem Sehen, Empfinden und Formbildung zusammenfallen.

In diesem Sinne führt Luz eine malerische Fragestellung fort, in der das Bild eine eigene Wirklichkeit etabliert – parallel zur empirischen Welt, aber nicht auf sie reduzierbar.

 

 

Enaktivismus: Malerei als leibliche Erkenntnispraxis

Einen präzisen theoretischen Rahmen für diese Praxis bietet der Enaktivismus, wie er von Evan Thompson entwickelt wurde.

Enaktivistische Theorien verstehen Wahrnehmung nicht als passives Aufnehmen, sondern als aktiven, leiblich verankerten Prozess, in dem Erkenntnis aus dem Zusammenspiel von Körper, Umwelt und Handlung hervorgeht.

Übertragen auf Luz bedeutet dies: Malerei ist nicht die Ausführung einer vorgefassten Idee, sondern ein Prozess des Hervorbringens. Sehen, Empfinden und Malen stehen in einem kontinuierlichen Wechselverhältnis. Jeder Strich ist keine Illustration, sondern eine Operation – ein Akt, in dem Wirklichkeit im Bild aktiv erzeugt wird.

In diesem Sinne lässt sich Luz’ Praxis als erfahrungsbasierte Malerei beschreiben: nicht als Stilbegriff, sondern als eine Arbeitsweise, in der Erfahrung im Vollzug des Malens selbst entsteht. Das Bild wird zum Erfahrungsraum, in dem Wahrnehmung, Leiblichkeit und Weltbezug im Akt des Betrachtens neu organisiert werden.

 

Bildwirklichkeit und malerische Verdichtung

Luz’ Malerei geht nicht von Darstellung aus, sondern vom Erleben. Es entsteht kein Abbild der Wirklichkeit, sondern eine Wirklichkeit im Bild selbst – eine Bildwirklichkeit.

Das heißt im Sinne des Künstlers: was nicht erlebt wurde, kann nicht gemalt werden. Und was gemalt wird, wird erst im Akt der Freiheit wahr. 

Eine ursprüngliche Kraft, die dem Bildanstoß vorausgeht, bezeichnet dabei jenen Moment, in dem ein Erleben bildwirksam wird. Aus der Vielzahl der Erscheinungen isoliert Luz einen entscheidenden Erfahrungsgehalt und verdichtet ihn zu einer konzentrierten visuellen Präsenz. Dieser Prozess ist keine Reduktion, sondern eine Intensivierung: Das Bild hält Erfahrung und macht sie zugleich erfahrbar.

Dies zeigt sich exemplarisch in Durchbruch (2016), wo das Bildfeld als Schwelle erscheint – als Ereignis von Übergang, nicht als dessen Darstellung.

In Natur (2014), Teil eines dreiteiligen Ensembles, verdichten sich organische Bewegung und materielle Präsenz zu einem Wahrnehmungsfeld, das Landschaft nicht abbildet, sondern hervorbringt.

Heat II (2020) steigert diese Logik weiter und operiert an der Grenze zur Figuration, wo Farbe und Geste zu Zonen hoher energetischer Dichte werden.

Über alle Werke hinweg gilt:


Das Bild vermittelt keine Botschaft.
Es stellt eine Bedingung her.

Luz’ Bilder beschreiben keine Wirklichkeit.
Sie machen sie erfahrbar.

Sie sind keine Darstellungen.
Sie sind Vollzugsräume.

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Manfred Luz, Selbstbildnis (Auschnitt), 1948, Öl auf Leinwand

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Manfred Luz, Durchbruch, 2016, Öl und Acryl auf Leinwand, 210 × 149 cm

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Manfred Luz, Natur, 2014, Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm

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Manfred Luz, Heat II, 2020, Öl und Kohle auf Papier, 257 × 138,5 cm

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11.01.2026

Manfred Luz vor seinem Bild "Weg zur Freiheit" (2022/2023)

Fotos Wolfgang Schmidt (www.wolfgang-schmidt-foto.de)

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